Einführung
Eine intelligente Preispolitik sollte zur Kernkompetenz jeder Bank gehören. Immerhin ist der Preis der zentrale Hebel, um Erträge und Margen nachhaltig zu steigern. Doch noch immer fehlt vielen Instituten ein Preismodell, das das Margenpotenzial der Kundenbeziehung maximiert – und das gleichzeitig für den Kunden fair und für die Vertriebseinheiten nachvollziehbar ist.
Die Folge: Die Bank schöpft ihr Ertragspotenzial nicht aus – spürbare Einbußen bei Erträgen und Gewinnen sind die Konsequenz
Bereits häufigere Überprüfungen der Preisgestaltung führen erfahrungsgemäß zu ein bis zwei Prozent höheren Erträgen – was sich, aufgrund der hohen Hebelwirkung, in einer Gewinnsteigerung um das bis zu Zehnfache niederschlagen kann.1
Viele Institute spüren, wie sich die bislang stabilen Rahmenbedingungen im Bankgeschäft wandeln – vor allem durch das wachsende Kundenbedürfnis nach Onlinelösungen über Vergleichs- und Vertriebsplattformen. Um dort sichtbar zu sein, müssen die Institute ihre Angebotszinsen schnell und flexibel anpassen sowie die Margenveränderungen bei Zinsänderungen einschätzen. Dabei erzeugen Zinsoptimierungen Volumeneffekte, deren Abschätzung eine genaue Preis-Absatz-Funktion erfordert.
Damit wird ein zentrales Problem der Preispolitik im Banking angesprochen. Sehr viele Institute vermögen die Preissensibilität der einzelnen Kundengruppen nicht abzuschätzen.2 Mehr noch: Häufig erweist sich bereits die Segmentierung selbst als überholungsbedürftig.
Mit zunehmender künstlicher Intelligenz (KI) gewinnt die Preispolitik neue Relevanz
Viele der internen Herausforderungen, die bislang als Hürden galten – etwa Datenverfügbarkeit, Segmentierung oder operative Umsetzung – lassen sich heute durch den gezielten Einsatz von KI deutlich einfacher bewältigen. Damit steht einer der wirkungsvollsten Hebel zur Ertrags- und Margensteigerung nun deutlich mehr Banken offen als je zuvor.
Auch stehen bewährte Controllinginstrumente, wie beispielsweise die etablierte Standardsoftwarelösung MARZIPAN3, zur Verfügung, die an dieser Stelle eingebaut werden können.
Aber ganz ohne Anpassungen im Management von Daten und Kundenbeziehungen wird sich datenbasiertes Pricing nicht konsequent umsetzen lassen. Doch genau diese Veränderungen stehen in vielen Häusern ohnehin auf der Agenda – unabhängig von einer Pricing-Initiative. Der Handlungsbedarf ist also nicht neu – der Nutzen dafür umso größer.
Pricing – warum so kompliziert?
Die Kreditbepreisung ist mittlerweile sogar aufsichtsrechtlich adressiert (MaRisk BTO 1.2. Ziffer 7). Im Rahmen der Preispolitik sollen die Institute insbesondere Eigenkapitalkosten, Liquiditätskosten, Betriebskosten sowie Adressrisikokosten berücksichtigen – natürlich auch mit Blick auf die Wettbewerbssituation. Ansonsten wirkt das Thema Pricing für viele Institute auf den ersten Blick wenig komplex.
Viele Bankerinnen und Banker im Vertrieb glauben zu wissen, was ihre Kundschaft bereit ist zu zahlen – entweder, weil diese es direkt äußern, oder weil sie meinen, aus Erfahrung ein Gespür für die Preissensibilität entwickelt haben.
Doch dieser weitgehend subjektive Ansatz schöpft das Ertragspotenzial der Institute meist nicht aus. Er führt oft zu Verzerrungen, da er sich immer nur auf einen Teilausschnitt der gesamten Kundengruppe bezieht.
Die Lösung: ein datenbasiertes Pricing, das Transparenz schafft, Fairness gegenüber Kunden ermöglicht und damit auch Verbraucherschutzaspekte berücksichtigt. Es ist gleichzeitig konsistent mit der übergeordneten Strategie der Bank und sendet somit keine widersprüchlichen Signale nach außen oder innen.
Die Entwicklung einer wirksamen Pricing-Strategie in der Praxis und besonders bewährte Best Practices
Schritt 1: Den strategischen Rahmen für Pricing klären
Bevor Banken eine wirksame Pricing-Strategie entwickeln können, müssen sie sich über den strategischen Rahmen im Klaren sein:
- Möchten sie als Premiumanbieter auftreten – oder als Preisführer? Premiumanbieter verpacken ihre Produkte geschickt, bieten eine professionelle Beratung etwa im Private Banking an und schaffen es so, höhere Margen als die Wettbewerber zu realisieren. Preisführer setzen hingegen auf Volumeneffekte bei meist geringeren prozentualen Margen.
- Streben sie stabile Preise an, die Vertrauen schaffen – oder setzen sie auf flexible Reaktionen bei Marktveränderungen?
- Geht es primär um Umsatzwachstum oder um Rentabilität? Und auf welcher Ebene messen sie diese Größen: je Produkt, Einzelgeschäft oder Kunde?
Auch diese operativen Fragestellungen müssen beantwortet werden:
- Wer trifft die Preisentscheidung? Ist es der Kundenbetreuer im Rahmen seiner Konditionenkompetenz, der Produktverantwortliche – oder erfolgt eine Preisvorgabe durch die zentrale Steuerung (Controlling-Abteilung)?
- Welche Eskalationsstufen gibt es, wenn etwa der Kundenbetreuer die vom Controlling vorgegebene Kondition in der Konditionenverhandlung nicht durchsetzen kann?
In vielen Instituten bleiben diese Fragen größtenteils unbeantwortet, oder die Lösungsansätze werden nicht klar kommuniziert. Die Folge: Gerade im Firmenkundengeschäft entsteht der Eindruck, Preise seien beliebig verhandelbar und nicht strategisch abgeleitet. Dies liegt auch daran, dass es an einer verlässlichen Datenbasis und der systematischen Auswertung von Erfahrungswerten fehlt, um Pricing-Entscheidungen faktenbasiert zu treffen.
Im Ergebnis bleibt ein systematischer Pricing-Ansatz in weiter Ferne und mit ihm erhebliche Ertragspotenziale.
Schritt 2: Auswahl eines geeigneten Preismodells
Banken steht bereits eine Vielzahl an Preismodellen zur Verfügung, die jeweils spezifische Vorteile und Herausforderungen aufweisen. Die Wahl des richtigen Modells sollte sich an der strategischen Ausrichtung, den Kundenbedürfnissen sowie den internen Steuerungszielen orientieren.
Wichtig: Die vorgestellten Modelle schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern sie lassen sich vielmehr kombinieren, um ein differenziertes und strategisch abgestimmtes Pricing-System zu entwickeln. Voraussetzung dafür sind eine klare Governance mit definierten Entscheidungswegen und eine konsistente Kommunikation im Haus.
| Preismodell | Beschreibung | Vorteil | Nachteil |
| Kostenorientiert | Aufschlag einer Zielmarge auf die Selbstkosten | Softwaregestützte Lösungen liegen vor – daher einfach umsetzbar | Ignoriert
|
| Value-based | Preis orientiert sich am vom Kunden wahrgenommenen Wert | Höhere Margenabschöpfung möglich, kundenzentriert | Erfordert tiefes Kundenverständnis und klare Kommunikation des Values |
| Marktorientiert | Preise orientieren sich an Wettbewerbskonditionen | Marktanteile lassen sich gezielt steuern | Risiko eines ruinösen Preiswettbewerbs, fehlende Kostendeckung, wenig Differenzierung möglich |
| Dynamisches Pricing | Preise werden in Echtzeit an Markt- und Kundensignale angepasst | Hohe Reaktionsgeschwindigkeit und Optimierungspotenzial, v. a. bei Plattformpräsenz wichtig | Hoher technologischer und analytischer Aufwand, Gefahr der Intransparenz |
| Segmentiertes Pricing | Preise werden differenziert nach Kundengruppen oder Nutzungsmustern gesetzt | Berücksichtigung individueller Zahlungsbereitschaft, bessere Margensteuerung | Komplexität in der Umsetzung |
Schritt 3: Analyse des Datenbedarfs je nach Preismodell
Der Erfolg eines datengetriebenen Preisansatzes hängt maßgeblich von der Verfügbarkeit und Qualität relevanter Daten ab. Dabei variiert der benötigte Datenumfang je nach Preismodell.
Generell lassen sich zwei große Datengruppen unterscheiden, je nach der Quelle, aus der die Daten gewonnen werden.
1. Interne Daten umfassen beispielsweise
- Stammdaten des Kunden (etwa die Dauer der Geschäftsbeziehung oder Anzahl genutzter Bankprodukte),
- Transaktionsdaten (zum Beispiel Überweisungen) und andere vertragliche Daten sowie
- die historisch mit dem Kunden mit welchen Produkten erzielten Margen.
2. Externe Daten spiegeln vor allem das Marktgeschehen wider, insbesondere Aktivitäten von Wettbewerbern wie Kampagnen, Konditionsanpassungen oder strategische Kooperationen oder Senkungen des Zentralbankzinses.
Erst das Zusammenspiel beider Datenquellen ermöglicht es in vielen Preismodellen, das Kundenverhalten fundiert zu analysieren und realistisch vorherzusagen.4
Geeignete Algorithmen, wie etwa Random-Forests, k-nearest Neighbors oder neuronale Netze, kann man für eine KI-basierte Kundensegmentierung nutzen. Auch Kaufaffinitäten lassen sich abschätzen.
Das Next-Best-Offer-Verfahren beispielsweise gibt an, für welches Produkt ein Kunde mit der größten Wahrscheinlichkeit affin ist. Das Affinitätsscoring weist produktbezogen Kunden einen Rangfolgewert zu und identifiziert aus einer Vielzahl von Kunden diejenigen, bei denen die höchste Abschlusswahrscheinlichkeit besteht. Damit lassen sich Vertriebsressourcen sparen, und die Abschlussquoten können gesteigert werden. Im nächsten Schritt muss dann jedoch noch die Wertschöpfung der Abschlüsse gemessen werden.
Schritt 4: Umsetzung der Preismodelle
Die erfolgreiche Umsetzung einer Preisstrategie hängt maßgeblich von den beiden Faktoren Modellierung der Preislogik auf Basis verfügbarer Daten und Etablierung einer klaren Governance-Struktur ab.
1. Modellierung: Datenbasiert, aber verständlich
Die Preismodelle müssen einerseits ausreichend differenziert sein, um das Verhalten und die Zahlungsbereitschaft der Kunden valide abzubilden.
Andererseits sollten sie transparent und verständlich genug sein, um im Haus – insbesondere im Vertrieb – Vertrauen und Akzeptanz zu schaffen.
Die Herausforderung liegt im Ausbalancieren von Komplexität und Verständlichkeit:
- Zu einfache Modelle ignorieren wichtige Kundensignale.
- Zu komplexe Modelle werden in der Praxis nicht konsequent angewendet.
- Eine erfolgreiche Einführung gelingt nur, wenn das Modell sowohl datengetrieben fundiert als auch kommunikativ tragfähig ist.
2. Governance: Klare Regeln für Preisentscheidungen
Ein wirksames Pricing erfordert klare Zuständigkeiten, Prozesse und Eskalationspfade. Besonders in dezentral geprägten Banken kann die Einführung einer zentral gesteuerten Preisstrategie kulturelle Veränderungen auslösen.
Wichtige Elemente einer erfolgreichen Governance:
- Eindeutige Verantwortlichkeiten für die Preisentscheidung (zum Beispiel Vertrieb, Produktmanagement, Zentrale).
- Transparente Regelwerke, wann Preise verhandelt werden dürfen – und wann nicht. Es braucht also klare Regelungen, unter welchen Voraussetzungen und in welchem Umfang Sonderkonditionen durch die Vertriebseinheiten gewährt werden dürfen.
- Definierte Eskalationsprozesse, um in Ausnahmefällen Flexibilität zu ermöglichen, ohne die Strategie zu unterlaufen.
Fazit: Nur wenn Modellierung und Governance aufeinander abgestimmt sind, lässt sich ein nachhaltiges, strategisches Pricing im Bankbetrieb verankern.
Schritt 5: Testen und Lernen
Eine effektive Pricing-Strategie darf kein statisches Konstrukt sein. Sie muss, wie die Gesamtstrategie der Bank, dynamisch und anpassungsfähig bleiben. In einem strukturierten Test-and-Learn-Ansatz können Pricing-Hypothesen gezielt mit ausgewählten Kundengruppen getestet und die Auswirkungen auf Ertrag und Verhalten systematisch ausgewertet werden.
Relevante KPIs wie Abschlussquoten, Margenentwicklung oder Kundenfeedback liefern dabei klare Signale, welche Elemente des Modells funktionieren, und wo Anpassungsbedarf besteht. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen direkt in die Weiterentwicklung des Preismodells ein und sorgen für eine stetige Optimierung der Margenausschöpfung.
Doch nicht nur das Pricing-Modell selbst steht auf dem Prüfstand: Auch Governance-Strukturen sollten regelmäßig hinterfragt werden. Wenn etwa Preisentscheidungen ausschließlich bei Produktverantwortlichen liegen, kann sich das negativ auf die Absatzzahlen auswirken und damit die Rolle und Wirksamkeit des Vertriebs schwächen. Hier bietet sich ein Modell geteilter Verantwortung an.
So entsteht ein Pricing-Ansatz, der sowohl marktnah als auch intern wirksam und akzeptiert ist.
Wie sich bisherige Hürden in der Pricing- Strategie überwinden lassen
Es gibt eine Reihe von Gründen, warum einige Banken eine datengetriebene und systematische Preisfindung bislang nicht genutzt haben.
Herausforderung 1 – Daten: Sie sind oft unzureichend aufbereitet, um für Analysen der Preisfindung (zum Beispiel Preiselastizität der Kunden) genutzt zu werden. Oder sie befinden sich in Datensilos und stehen nicht zentral zur Verfügung.
Lösung: KI hilft, Daten besser zu strukturieren, zum Beispiel durch automatische Zuordnung von Zweckcodes oder Zusammenführung bereichsübergreifender Daten, was fundierte Analysen – etwa zur Preiselastizität der Kunden – ermöglicht.
Herausforderung 2 – unklare Vorgaben: Nicht definierte Zuständigkeiten und das Festhalten an individuellen Preisfindungen führen dazu, dass einzelne Bereiche und Funktionen dies als Kernkompetenz ansehen und nicht abgeben wollen („Ich kenne meinen Kunden am besten“). Der traditionelle Streit zum Umfang von Sonderkonditionen spricht Bände.
Lösung: Wie oben beschrieben, bedarf es einer Klarheit sowohl intern also auch gegenüber den Kunden, wie die Bank das Thema Pricing angeht. Transparenz und konsistentes Handeln sind entscheidend für den Aufbau von Vertrauen in den Preisfindungsprozess – sowohl intern als auch extern.
Herausforderung 3 – taktisches Verhalten: Aufgrund schwankender Kundennachfrage, zunehmenden Wettbewerbsdrucks und volatilen Marktumfelds kommt es häufig dazu, dass Pricing-Strategien kurzfristig verworfen werden, sobald wirtschaftlicher Druck spürbar wird. Solche Entscheidungen erfolgen oft unter erheblichem Zeitdruck und werden leider häufig ohne eine begleitende, transparente Kommunikation umgesetzt.
Lösung: Die Pricing-Strategie sollte von Anfang an auf Flexibilität ausgelegt sein, um auf veränderte Markt- und Nachfragesituationen zeitnah reagieren zu können. Durch den Aufbau datengetriebener Preismodelle lassen sich Preisentscheidungen fundiert und effizient treffen, sodass Banken schnell und gezielt auf wirtschaftliche Veränderungen reagieren können.
Fazit
Dank technologischer Fortschritte, insbesondere im Bereich der KI, gibt es für Banken kaum noch Gründe, auf datengetriebene Preismodelle zu verzichten. Durch deren Einsatz lassen sich die Erträge signifikant steigern. Ein strukturiertes Vorgehen ermöglicht es zudem, die übergeordneten Ziele der Bank zu berücksichtigen und eine Pricing-Strategie zu entwickeln, die sich nahtlos in die Gesamtstrategie einfügt. Eine baldmögliche Umsetzung bietet sich an, um die Margenpotenziale jetzt zeitnah zu heben.
