Auszug aus dem Fachartikel „Nachhaltigkeit in alle Handlungsfelder integrieren“
Das Thema Nachhaltigkeit ist von hoher Relevanz für die Geschäfts- und Risikostrategie von Geldhäusern. Institute, die zögerlich agieren, werden nicht nur mit dem steigenden regulatorischen Druck konfrontiert, sondern verspielen auch die eigene Zukunft. Die Auswirkungen betreffen das institutseigene Geschäftsmodell und die zahlreichen strategischen Handlungsfelder. Das bestätigt auch die Studie „Sustainable Banking“ von msg GillardonBSM.
Die Verantwortung für die Nachhaltigkeitsdimension der Kredite in Bezug auf die prinzipielle Übernahme von Ausfallrisiken ist nicht neu, wohl aber erweitert sich das Spielfeld. So untersucht die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) derzeit in einem Diskussionspapier (EBA/DP/2022/02), inwieweit umweltbezogene Merkmale von Krediten mit der Höhe des Ausfallrisikos und vor allem mit der Kreditqualität der Engagements positiv korrelieren. Gleichzeitig ist der Planungshorizont erheblich auszuweiten. Bei den Umweltrisiken reicht der im Risikomanagement übliche Zeitraum von einem Jahr beziehungsweise drei bis fünf Jahren bezogen auf die Kapitalplanung nicht aus. Der im Klimastresstest geforderte Zeithorizont beträgt 30 Jahre und bei der Bewertung von Immobilien mit den Methoden der Ökobilanz sind 50 Jahre üblich. Da mit zunehmender Zeitdauer die Schätzunsicherheit rapide ansteigt, ist es naheliegend, mit Szenarien zu arbeiten. Im Klimastresstest wird das bereits umgesetzt. Hier verwendet das Network for Greening the Financial System (NGFS), ein Zusammenschluss von Zentralbanken und Aufsehern, die drei Szenarien „Orderly“, „Disorderly“, „Hot house world“ und differenziert zwischen den Konsequenzen für die physischen und transitorischen Risiken.
Die Erkenntnisse aus dem Klimastresstest führen, vereinfacht formuliert, zu einer zentralen Erkenntnis: Banken werden eindeutig von frühzeitigen Klimaschutzmaßnahmen und dem damit verbundenen Übergang zu einer klimaneutralen Wirtschaft profitieren. Bei dieser Einschätzung muss zwischen Regionen und Branchen sowohl im europäischen Maßstab als auch im Mikrokosmos der deutschen Regionalbanken differenziert werden. Regional kommt es vorrangig auf die Betroffenheit von physischen Risiken an. Das deutsche Umweltbundesamt hat hierzu Kartenmaterial vorgelegt, das eine Abschätzung auf Gemeindeebene erlaubt.
Naturgemäß sind Branchen unterschiedlich von transitorischen Risiken betroffen. Nicht nur die Produktionsunternehmen werden mit dem CO2-Fußabdruck konfrontiert, auch die IT-Branche rückt mit den Stichworten Erzeugung von Kryptogeld und Green Coding in den Fokus. Hierzu hat die „Tagesschau“ einen interessanten Vergleich gezogen:
Das Ausmaß, in dem Klimarisiken entstehen könnten, hängt von den Umstellungsplänen der Firmenkunden in emissionsintensiven Sektoren ab, wie die Europäische Zentralbank (EZB) im Rahmen ihres Klimastresstests 2022 betont. Damit die Banken ihre Exposition gegenüber Klimarisiken in der Zukunft abschätzen können, müssen sie anstreben, einen verbesserten Einblick in die Umstellungspläne ihrer Kunden zu gewinnen.
Nachhaltigkeit betrifft die Institute keineswegs nur im Außenauftritt. Es reicht nicht aus, auf Fotovoltaikanlagen auf dem Bankgebäude zu verweisen oder Elektroautos als Dienstwagen zu nutzen. Vielmehr wird die Kreditvergabeentscheidung samt Anpassungen im Rating und Pricing besonders betroffen sein. Die Vertriebsprozesse müssen modifiziert werden und das Risikomanagement muss die Risikoinventur erweitern, da die einzelnen klassischen Risiken, namentlich die Kreditrisiken, jeweils um Nachhaltigkeitsrisiken zu ergänzen sind. Hoher IT-Aufwand entsteht in der Offenlegung, insbesondere, weil die Ermittlung neuer Kennzahlen wie die Green Asset Ratio (GAR), vorgeschrieben wird. […]
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