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FINMA-konformes Asset-Liability- und Risikomanagement in der Migros Bank (NEWS 03/2022)

Die Migros Bank und msg GillardonBSM haben im August 2021 gemeinsam das rund einjährige Projekt RETA (RISK: Einführung THINC ALM) gestartet. Ziel des Projekts war, die Nutzung von THINC um zusätzliche Anwendungsfälle aus den Bereichen Asset Liability Management/Zinsrisiko und Controlling zu erweitern. Ein Praxisbericht.

12/15/22
Risikomanagement
FINMA-konformes Asset-Liability- und Risikomanagement in der Migros Bank (NEWS 03/2022)

Ausgangssituation

Die Migros Bank nutzt die Standardsoftware THINC von msg GillardonBSM bereits seit 2008 für Anwendungsfälle des Financial Controllings und für Simulationen zum Marktpreisrisiko. THINC wird dafür aus den Vorsystemen der Migros Bank mit den erforderlichen Daten versorgt, insbesondere mit Geschäftsdaten zu den Kunden- und Eigengeschäften sowie mit relevanten Marktdaten.

Aufgrund der langjährigen, erfolgreichen Zusammenarbeit mit msg GillardonBSM hat die Migros Bank im Jahr 2020 beschlossen, mittels eines Proof of Concept (PoC) eine erweiterte THINC-Nutzung zu evaluieren.

Das Projekt „RETA“

Nach erfolgreichem Abschluss des PoC haben die Migros Bank und msg GillardonBSM im August 2021 gemeinsam das rund einjährige Projekt RETA (RISK: Einführung THINC ALM) gestartet. Ziel des Projekts war, die Nutzung von THINC um zusätzliche Anwendungsfälle aus den Bereichen ALM/Zinsrisiko und Controlling zu erweitern.

Hierbei ging es im Schwerpunkt um die Erfüllung aufsichtsrechtlicher IRRBB-Anforderungen der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA in der wertorientierten (barwertigen) und in der ertragsorientierten (periodischen) Sicht. Ein weiterer wichtiger Aspekt war die Ermittlung von Kennzahlen für das Meldewesen mit THINC.

Das fachliche Zielbild für die Erweiterung wurde bereits im PoC erarbeitet und anschließend in einigen Details verfeinert.

Erweiterte THINC-Nutzung

Die neuen Anwendungsfälle umfassen zum einen die Planung des Neugeschäfts der Migros Bank in einem Basisszenario und in weiteren darauf aufbauenden Geschäftsszenarien sowie die Abbildung verschiedener Zinsszenarien. Das THINC-Modul Portal simuliert die ertragswertigen Auswirkungen dieser Szenarien in mehreren Ergebnisvorschaurechnungen. Die Migros Bank simuliert zudem die Barwertänderungen, die sich aus den Zinsszenarien ergeben, mittels Barwertsimulationen in dem THINC-Modul sDIS+.

Ein Großteil der barwertigen und ertragswertigen THINC-Ergebnisse fließt in die Zinsrisikomeldung an die FINMA, die für die wesentlichen Währungen der Bank ebenfalls von THINC erstellt wird. Weitere Ergebnisse aus THINC dienen sowohl den institutsindividuellen Stresstests als auch dem Sicherstellen der Risikotragfähigkeit.

Die erweiterte THINC-Nutzung im Rahmen von RETA erforderte auch eine erweiterte Datenversorgung mit Geschäftsdaten und Bilanzpositionen aus dem Kernbanksystem Finnova sowie mit Marktdaten (unter anderem Compound-Sätze für den Referenzzins SARON1). Zusätzlich hat die Migros Bank im Projekt RETA die bestehende Datenversorgung und die Prozesse zur Prüfung und Sicherstellung der Datenqualität verbessert.

Softwareerweiterungen

Um die Anforderungen der Migros Bank mit der Standardsoftware THINC zu erfüllen, musste die Produktlösung in einigen Punkten erweitert werden. Zum einen wurden die für die Migros Bank relevanten Produkte, die auf dem neuen Schweizer Referenzzins SARON basieren, in THINC abgebildet. Das betraf Kundenprodukte und auch Zinsswaps. Zu anderen wurde ein weitgehend automatisierbarer Prozess für die Schweizer Zinsrisikomeldung an die FINMA implementiert, der sowohl die nachvollziehbare Ermittlung der relevanten Kennzahlen als auch die Befüllung des Meldeformats umfasst.

Einführungsprojekt

Der Migros Bank war es wichtig, dass die Lieferung der Software und das Einführungsprojekt in der Hand eines Anbieters liegen, um die Abstimmprozesse so effizient wie möglich zu gestalten. Das Einführungsprojekt wurde in fünf Arbeitspakete unterteilt:

  1. Konkretisierung des PoC
  2. Datenanbindung und IT
  3. Fachthemen
  4. Follow-up
  5. Projektleitung

Der Fokus des Arbeitspakets A lag auf der Konkretisierung der PoC-Ergebnisse als Grundlage für die weiteren Schritte. Im Arbeitspaket B wurde die erweiterte Softwarelösung THINC installiert und die bestehende Datenversorgung für THINC ergänzt und verbessert.

Das Arbeitspaket C hatte als Kern des RETA-Projekts die fachliche Einführung der Lösung mit Customizing für die Migros Bank, Anwenderschulungen, Testrechnungen und Produktivnahme zum Inhalt. Im Arbeitspaket D standen die Themen nach der ersten produktiven Zinsrisikomeldung im Mittelpunkt, beispielsweise Dokumentation, Automatisierung der Abläufe und Umsetzung von Stresstests.

Übergreifend erfolgte eine gemeinsame Projektleitung zur Steuerung der Teams mit wöchentlichem Jour fixe und regelmäßigem Reporting an die Stakeholder.

Wesentliche Erfolgsfaktoren des Projekts waren die langjährige Kenntnis der Bank und ihrer Systeme seitens msg GillardonBSM und die guten Vorkenntnisse wesentlicher THINC-Module seitens der Migros Bank. Dadurch war es möglich, die erweiterte Lösung in nur gut zehn Monaten von Mitte August 2021 bis Ende Juni 2022 einzuführen, die Datenanlieferung zu ergänzen, die fachliche Funktionalität zu parametrisieren und die Lösung nach einer Testphase mit der Zinsrisikomeldung für den Stichtag 30.06.2022 produktiv zu nehmen.

Es ist dem großen Engagement, der technischen und fachlichen Kompetenz sowie der erfahrenen Projektleitung auf beiden Seiten zu verdanken, dass der enge Zeitplan eingehalten wurde und die Zinsrisikomeldung pünktlich und in bester Qualität eingereicht werden konnte. Selbst die Widrigkeiten der Coronapandemie, die ein Zusammenarbeiten ausschließlich über Videokonferenzen erforderte, konnten diesen Erfolg nicht gefährden.

Fazit und Ausblick

Die Migros Bank hat mit THINC eine moderne Softwarelösung eingeführt, die das Asset-Liability- und das Risikomanagement der Bank flexibel und zuverlässig unterstützt. THINC ist in der Lage, die verschiedenen Produkte der Bank auf der Ebene von Einzelgeschäften und mit unterschiedlichen Währungen zu kalkulieren. Die Softwarelösung kann diese Einzelergebnisse für die wert- orientierten und die ertragsorientierten Auswertungen nach den Kriterien des Hauses und gemäß den Anforderungen der FINMA aggregieren und rapportieren.

Ein wichtiger Mehrwert für die Migros Bank ist die Verzahnung der Planung im Financial Controlling mit den Ergebnisvorschaurechnungen. Dieses Zusammenspiel ermöglicht zeitnahe und qualitativ hochwertige Analysen für den Normal Case und unter Stressszenarien, beispielsweise über die Auswirkungen von Zinsänderungen auf die Konditions-, Struktur- und Liquiditätsbeiträge.

Durch die Reduktion der Risiko- und Meldesysteme von ehemals drei auf jetzt zwei (neben THINC die Meldewesenlösung FiRE) konnte die Migros Bank ihre Systemkomplexität deutlich verringern, Redundanzen vermeiden und ihre Lieferstrecken und Abstimmprozesse vereinfachen.

Im nächsten Schritt soll die Einzelgeschäftskalkulation von THINC in Richtung Transfer Pricing erweitert werden, damit die Migros Bank noch genauer den Beitrag des Marktes vom Beitrag des Treasurys in den Ergebnissen trennen kann.

Außerdem soll das Liquiditätsrisiko in die Produktlösung einbezogen werden. Ziel ist es, auf der guten THINC- Datenbasis mit einem Liquiditätscockpit die Liquiditätsablaufbilanz der Bank zusammen mit der Entwicklung des Liquiditätsdeckungspotenzials und der normativen Kennzahlen LCR und NSFR zu simulieren und zu steuern.