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Nachhaltige Konsumentenkredite: Eine Chance für das Retail-Banking, Teil 2

<b>NEWS 02/2025</b><br><br>Nachhaltige Konsumentenkredite sind Kredite, die für den Kauf von umweltfreundlichen oder sozial verantwortlichen Produkten und Dienstleistungen bessere Konditionen vergeben, als herkömmliche Kredite. Doch die meisten Institute integrieren Nachhaltigkeitsaspekte nicht konsequent in ihren Kreditvergabeprozess. Dabei kann ein nachhaltiges Konsumentenkreditangebot als Hebel für wirtschaftlichen Erfolg eines Kreditinstituts fungieren.

07/23/25
Nachhaltigkeit, Pricing
Nachhaltige Konsumentenkredite: Eine Chance für das Retail-Banking, Teil 2

Ein nachhaltiges Konsumentenkreditangebot – ein Hebel für wirtschaftlichen Erfolg

Green Bonds, Green Fonds, Green ETFs – diese Anlageformen sind aus dem Wertpapiergeschäft längst nicht mehr wegzudenken. Eine ähnliche Entwicklung erwarten wir bei Green Loans. Im Konsumentenkreditgeschäft zeigt sich jedoch, dass die meisten Kreditinstitute Nachhaltigkeitsaspekte nicht konsequent in ihren Kreditvergabeprozess integrieren und dadurch mögliche Vorteile ungenutzt lassen.

Im ersten Teil unserer Miniserie haben wir festgestellt, dass in Deutschland rund 20 % der Erwachsenen einen Konsumentenkredit nutzen und dass das monatliche Neugeschäftsvolumen laut Bundesbankstatistik im Schnitt bei etwa acht Milliarden Euro liegt.

Doch trotz der beachtlichen Größe dieses Marktsegments spielen Nachhaltigkeitsaspekte in diesem Bereich bisher kaum eine Rolle. Dabei gelten auch hier die regulatorischen Anforderungen hinsichtlich der Berücksichtigung von ESG-Risiken im Kreditgeschäft. Vielmehr wird auch für dieses Geschäftsfeld eine Dekarbonisierungsstrategie benötigt. Zumal auch die Konsumenten – selbst in politisch herausfordernden Zeiten mit großen Unsicherheiten hinsichtlich der Umsetzung klimapolitischer Maßnahmen – weiterhin großen Wert auf ökologische und soziale Verantwortung bei Finanzdienstleistern legen.

In diesem zweiten Teil zeigen wir nun, dass und wie ein nachhaltiges Konsumentenkreditangebot als Hebel für wirtschaftlichen Erfolg eines Kreditinstituts fungieren kann.

Wirtschaftlicher Erfolg ist sichergestellt

Der in Teil 1 vorgestellte Pricing-Ansatz1 ist innovativ: Ökologisch nachhaltige Finanzierungsvorhaben (grüne Projekte) erhalten einen reduzierten Nominalzins von 5,09 %, während sogenannte graue Kredite – also Vorhaben, die nicht den Nachhaltigkeitskriterien entsprechen – zu einem Zinssatz von 6,22 % angeboten werden. Die Spreizung kann dabei jeweils von einem ursprünglichen Nominalzins in Höhe von 5,99 % abgeleitet werden.

Institute könnten jedoch Bedenken hervorbringen: Haben wir in dieser Betrachtung nicht entscheidende Punkte unberücksichtigt gelassen? Wie genau lässt sich die Differenz in den Konditionen ableiten? Verringert sich die Marge des Portfolios? Preist sich das Institut bei den grauen Krediten nicht aus dem Markt?

Wie genau lässt sich die Differenz in den Konditionen ableiten?

Die Spreizung der Konditionen erfolgt im genannten Beispiel (5,09 % versus 6,22 %) prinzipiell erfolgsneutral. Die oben eingeführte „Nachhaltigkeitsprämie“ wirkt als Zinsaufschlag bei den grauen Konsumentenkrediten. Diese Prämie spiegelt die zusätzlichen Kosten wider, die durch höhere Risiken und regulatorische Anforderungen entstehen, insbesondere bei einem hohen Anteil grauer Kredite. Sie wurde mit ungefähr 1,00 % veranschlagt. So erzielt das gesamte Kreditportfolio in der Ausgangssituation nur auf den ersten Blick eine Bruttomarge von 2,99 %. Unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsprämie reduziert sich die tatsächliche Bruttomarge auf nur noch 2,09 %.2

Wenn nun diese effektive Bruttomarge von 2,09 % als Zielmarge für die Preisgestaltung verwendet wird, ergeben sich für die beiden Kreditkategorien folgende Nominalzinsen: 5,09 % für grüne Kredite und 6,22 % für graue Kredite.

Verringert sich die Marge des Kreditportfolios?

Die Herleitung der Konditionenspreizung legt bereits offen, dass sich die Marge des gesamten Kreditportfolios grundsätzlich nicht ändert, wenn zunächst vereinfachend unterstellt wird, dass die Zusammensetzung des Kreditportfolios im Neugeschäft unverändert bleibt. Selbst unter der Annahme, dass die Nachhaltigkeitsprämie tatsächlich geringer ausfällt, führt dieses „smarte Pricing“ zu einer gleichbleibenden Marge des Gesamtportfolios. Die beispielhafte Modellierung erfolgte also so, dass die differenzierte Preisgestaltung das Nachhaltigkeitsrisiko widerspiegelt, ohne die ursprüngliche auf das Portfolio bezogene Marge zu gefährden.

Preist sich das Institut bei den grauen Krediten nicht aus dem Markt?

Das Argument: „Ein anderes Kreditinstitut, das nicht zwischen „grün“ und „grau“ unterscheidet, kann einem Verbraucher mit nicht nachhaltigem Finanzierungszweck günstigere Konditionen bieten (im Beispiel 5,99 % anstelle von 6,22 %), lässt sich natürlich nicht entkräftigen. Betrachtet man jedoch die bestehenden Unterschiede in den Konditionen zwischen den verschiedenen Kreditgebern, zeigt sich, dass Kunden in der Regel kleinere Konditionenunterschiede akzeptieren.

Berücksichtigt man die empirische Verteilung zwischen grünen und grauen Vorhaben (erste Tests zeigen, dass weniger als 10 % der Finanzierungen den Nachhaltigkeitskriterien der EU-Taxonomie entsprechen), so ist durch den vorgestellten Ansatz sichergestellt, dass für die grauen Vorhaben nur geringfügige Mehrkosten entstehen – und dies trotz der großen Preisanreize bei grünen Vorhaben. Berücksichtigt man überdies die Diskrepanz zwischen den „Lockangeboten“ und den tatsächlich gewährten Konditionen sowie den Umstand, dass viele Konsumkreditnehmer ihren Zinssatz gar nicht kennen (siehe FN 1), sind große Abwanderungen aufgrund der Konditionenspreizung eher unwahrscheinlich.

Insgesamt lässt sich also festhalten, dass das hier präsentierte „smart Pricing“ mindestens die Erfolgsneutralität des Kreditgebers sicherstellt. Betrachtet man weiter die potenziellen Effekte auf das Neukundengeschäft – also den Umstand, dass durch die gezielte Berücksichtigung der Kundenanforderungen an grüne Finanzprodukte die Marktposition gestärkt wird –, verspricht dieser Ansatz auch höhere Erträge. Folglich kann eine nachhaltige Ausrichtung den langfristigen Erfolg im Konsumentenkreditgeschäft sicherstellen.

Chancen und Risiken durch (k)ein nachhaltiges Konsumentenkreditangebot

Werfen wir nun einen detaillierten Blick auf die Vorteile für Kreditinstitute mit einer gezielten strategischen Fokussierung auf grüne Konsumfinanzierungen.

Erhöhung der Green Asset Ratio (GAR) und Erfüllung regulatorischer Vorgaben

Für eine gezielte Steuerung der GAR benötigt ein Kreditinstitut detaillierte Informationen über die gewährten Finanzierungen und deren Verwendungszwecke. Durch den vorgestellten Ansatz können grüne Kredite systematisch identifiziert werden, wodurch sich die GAR automatisch erhöht. Zusätzlich kann die nachhaltige Geschäftsausrichtung zu einer positiven Kundenmigration führen, was die GAR weiter steigert.

Darüber hinaus ermöglicht eine strategische Fokussierung auf nachhaltige Finanzierungen dem Kreditinstitut, seine Nachhaltigkeitsambitionen transparent zu machen und damit regulatorischen Feststellungen vorzubeugen. Zudem trägt der präsentierte Ansatz zur Erfüllung spezifischer regulatorischer Anforderungen bei, wie etwa der 8. MaRisk-Novelle (BTO 1.2 Satz 4), die ESG-Anforderungen an die Prozesse im Kreditgeschäft definiert.

Erhöhte Kundenloyalität

Kunden, die Nachhaltigkeit als Wert priorisieren, sind eher geneigt, langfristig bei einer Bank zu bleiben, die diese Werte teilt. Grüne Finanzierungsangebote schaffen eine emotionale Bindung, die über den rein finanziellen Nutzen hinausgeht. Dies stärkt die Kundenbindung und reduziert die Abwanderungsquote.3,4,5

Kundenmigration hin zu Instituten mit nachhaltigen Finanzierungen

Banken, die attraktive Konditionen für grüne Konsumentenkredite anbieten, können gezielt Kunden ansprechen, die nachhaltige Finanzierungsprojekte verfolgen. Durch Nachhaltigkeitsboni, vergünstigte Zinssätze oder andere Anreize wird eine Migration solcher Kunden zur eigenen Bank gefördert. Dies eröffnet zum einen neue Geschäftsmöglichkeiten und stärkt zum anderen auch die Marktposition in einem wachstumsstarken Segment.

Außerdem neigen Kunden, für die Nachhaltigkeit einen hohen Stellenwert hat, dazu, größere und langfristigere Finanzierungen zu tätigen, um ihre ökologischen oder sozialen Projekte zu realisieren. Diese Projekte umfassen in der Regel höhere Kreditvolumina, die wiederum die Bank dazu befähigen, ihr Kreditportfolio effizienter zu verwalten und Skaleneffekte zu erzielen.

Verbesserung des Images und Markenbildung

Eine Ausrichtung auf Nachhaltigkeit verleiht Kreditinstituten ein modernes und verantwortungsbewusstes Profil. Es trägt auch zur Erfüllung der gesellschaftlichen Erwartungen von Banken als zentraler Treiber der Transformation bei. Dies erhöht einerseits die Attraktivität für nachhaltigkeitsorientierte Kunden, stärkt zugleich aber auch die Reputation bei Investoren, in der Öffentlichkeit sowie bei eigenen Mitarbeitern.

Dieses positive Image kann wiederum als Differenzierungsmerkmal im Wettbewerb genutzt werden und dabei helfen, neue Zielgruppen zu erschließen und die Zukunftsfähigkeit sicherstellen.

Erhöhte Stabilität und Resilienz

Die Volumenzunahme aufseiten der grünen Kredite durch die Migration nachhaltigkeitsorientierter Kunden bedingt ein ausgewogenes Kreditportfolio mit höherem Anteil an grünen Krediten. Dies reduziert das Gesamtrisiko und erhöht die Stabilität und Resilienz der Bank gegen- über wirtschaftlichen und regulatorischen Herausforderungen. Luo et al.6 zeigen darüber hinaus, dass die Einführung grüner Kreditrichtlinien die Wettbewerbsfähigkeit von Geschäftsbanken stärkt. Dies gilt insbesondere für Institute mit höheren Kredit- und Reputationsrisiken.

Wenn eine Bank keine Differenzierung zwischen grünen und grauen Krediten vornimmt und Kredite weiterhin pauschal ohne Prüfung des Verwendungszwecks vergibt, wird sie mittelfristig mit erheblichen Nachteilen konfrontiert.

Durch die Migrationsbewegungen von nachhaltigkeitsorientierten Verbrauchern erfahren Banken ohne nachhaltige Ausrichtung einen Verlust des Marktanteils.7 Außerdem steigt für diese Kreditinstitute dadurch der Anteil grauer Kredite im Portfolio. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Profitabilität aus, da die Nachhaltigkeitsprämie dann auf einen größeren Teil des Portfolios wirkt.

Darüber hinaus – und dieser Punkt ist nicht zu vernachlässigen – riskiert die Bank, durch Verlust der grünen Kredite im Portfolio regulatorisch unter Druck zu geraten. Aufgrund fehlender Nachhaltigkeitsstrategien wurden unseres Kenntnisstands nach Sonderprüfungen durch- geführt. Außerdem gestaltet sich die Einhaltung der GAR bei fehlender Kenntnis des Finanzierungszwecks überaus schwierig. Während andere Banken ihre Portfolios bereits frühzeitig anpassen konnten, könnte eine fehlende Differenzierung spätere Umstellungen teurer und aufwendiger beziehungsweise sogar unmöglich machen.

Fazit: Frühzeitige, nachhaltige Positionierung bietet große Chance im Retail-Banking

In den letzten Jahren hat eine größere Zahl an Kreditinstituten nachhaltige Finanzprodukte eingeführt und damit auf die veränderten Kundenpräferenzen reagiert. Betrachtet man das Kreditgeschäft, so werden bei Investitionskrediten bereits ESG-Scores berücksichtigt und bei Baufinanzierungen Förderkredite für nachhaltige Bauten vergeben.8 Jedoch darf das Interesse von Banken an Nachhaltigkeitsinformationen ihrer Kunden nicht auf einzelne Kreditprodukte beschränkt werden. Denn die regulatorischen Vorgaben für Finanzinstitute – insbesondere jene aus der 7. und 8. MaRisk-Novelle – beziehen sich auf das gesamte Kreditvergabegeschäft. Konsumfinanzierungen sind dabei nicht ausgeschlossen.

Dieser Artikel zeigt, wie Banken das Konsumentenkreditgeschäft sinnvoll nachhaltig transformieren können. Die gezielte strategische Fokussierung auf nachhaltige Konsumentenkredite kann positive Effekte auf Marktanteil und Profitabilität einer konsumfinanzierenden Bank haben und zugleich auch den regulatorischen Druck verringern.

Zögert ein Institut allerdings zu lange, diesen Weg zu beschreiten, während Wettbewerber die Vorreiterrolle übernehmen, drohen mittelfristig erhebliche Nachteile. Daher gilt für Banken im Bereich der Konsumentenkredite ebenso wie für andere Unternehmen: Eine Vorreiterrolle in puncto Nachhaltigkeit bietet eine Chance, sich langfristig im Wettbewerb zu behaupten9 – und leistet gleichzeitig einen Beitrag zu einer nachhaltigeren Zukunft.