Cross-Border Payments – eine Einführung
Die Dynamik im internationalen Zahlungsverkehr hat in den letzten Jahren spürbar zugenommen. Derzeit steht der Auslandszahlungsverkehr (AZV) im Fokus strategischer Diskussionen. Was früher als komplexes Nischenthema galt, ist heute strategischer Hebel für Banken und globale Unternehmen gleichermaßen.
Regulatorische Vorgaben, internationale Initiativen und die steigenden Kundenerwartungen treiben Innovation und Veränderung voran. Die Einführung von ISO 20022 sowie lokalen Instant Payment Schemes und die G20-Roadmap zur Verbesserung grenzüberschreitender Zahlungen setzen neue Standards. Damit verändern sie die Anforderungen an Banken und Zahlungsdienstleister grundlegend.
Vor diesem Hintergrund stellen sich zwei zentrale Fragen: Wie können Banken und Unternehmen ihre Prioritäten und Strategien aufeinander abstimmen? Und welche Faktoren werden künftig über Wettbewerbsfähigkeit und Kundenzufriedenheit entscheiden?
Parallel dazu entstehen neue Wettbewerbsmodelle: Private Anbieter und FinTechs bringen alternative Zahlungswege und Echtzeitlösungen auf den Markt, die das klassische Korrespondenzbankgeschäft auf die Probe stellen.
Um Anbietern Impulse zur strategischen Ausrichtung zu geben, rückt die aktuelle msg-for-banking-Studie „Beyond Borders: Cross-Border Payments Through the Corporate Lens – Today and Tomorrow“ die Sicht der Unternehmen ins Zentrum.
Ziel der Untersuchung war es, die tatsächlichen Erwartungen, Bewertungskriterien und Herausforderungen aus Sicht der Corporates systematisch zu erfassen und mit den aktuellen Entwicklungen im Markt abzugleichen. Die Studie basiert auf einer Kombination aus quantitativen Befragungen und qualitativen Analysen und liefert damit ein differenziertes Bild der aktuellen Situation und der strategischen Handlungsfelder für Banken und Zahlungsdienstleister.
G20-Roadmap: Ziele und Realität
Die G20-Roadmap bildet den strategischen Rahmen für die Weiterentwicklung des internationalen Zahlungsverkehrs. Sie definiert vier zentrale Ziele, die bis 2027 erreicht werden sollen:
- Kosten senken,
- Geschwindigkeit erhöhen,
- Transparenz schaffen und
- Zugang verbessern.
Diese Ziele sind ambitioniert und setzen Banken sowie Zahlungsdienstleister unter erheblichen Handlungsdruck.
Die Studie zeigt jedoch, dass zwischen den aufkommenden Marktanforderungen und dem Status quo des Leistungsangebots weiterhin eine deutliche Lücke besteht. Zwar teilen Banken und Unternehmen die grundsätzlichen Zielsetzungen, doch die Priorisierung und Umsetzung divergieren spürbar.
Die Folge: Banken und Zahlungsdienstleister entwickeln Produkte und Services oft auf Basis vermuteter Kundenbedürfnisse – und nicht zwingend auf Grundlage tatsächlicher Erwartungen.
Unternehmen wiederum erwarten längst mehr als nur die zuverlässige Ausführung von Zahlungen. Sie erwarten echte Mehrwerte entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vor allem in den Bereichen Geschwindigkeit und Transparenz. Gleichzeitig sehen sie sich mit fragmentierten Infrastrukturen, heterogenen regulatorischen Anforderungen und einer Vielzahl von Anbietern konfrontiert, deren Systeme nicht immer nahtlos ineinandergreifen.
Geschwindigkeit als Hot Topic
Geschwindigkeit ist eines der vier Kernziele der G20-Roadmap und aus Sicht der Unternehmen von größter Wichtigkeit.
Ein Blick auf die Verteilung der akzeptierten Abwicklungszeiten verdeutlicht den Wandel der Marktanforderungen: Die Mehrheit der Unternehmen erwartet heute eine Zahlungsabwicklung innerhalb von 15 Minuten. Diese Entwicklung ist Ausdruck eines neuen Selbstverständnisses im Umgang mit Zahlungsströmen und unterstreicht die Relevanz des Themas für die Praxis (siehe Abbildung 1).
Mit der Einführung von SEPA Instant Payments wurde in Europa ein neuer Maßstab für die Verarbeitung nationaler Zahlungen etabliert. Die damit verbundenen Erwartungen an Geschwindigkeit und Verfügbarkeit wirken zunehmend auch auf den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Transaktionen, die mehrere Stunden oder gar Tage benötigen, entsprechen immer weniger den operativen Anforderungen international tätiger Unternehmen. Die zeitnahe Verfügbarkeit von Mitteln ist heute nicht nur ein funktionaler Anspruch, sondern ein integraler Bestandteil der unternehmensweiten Steuerung von Liquidität und Risiko. Die Fähigkeit, Zahlungen nahezu in Echtzeit zu steuern, wird zum entscheidenden Hebel für Effizienz, Risikomanagement und Kundenzufriedenheit.
Transparenz: von der Kontrolle zur Steuerung
Auch Transparenz ist ein zentrales Ziel der G20-Roadmap und wird von Unternehmen insbesondere als Voraussetzung für eine bessere Steuerbarkeit und Nachvollziehbarkeit im Zahlungsverkehr erachtet. Unsere Studie zeigt, dass Unternehmen heutzutage vollständige Klarheit über Gebühren, Wechselkurse, Routing und den Status ihrer Zahlungen erwarten (siehe Abbildung 1).
Dabei wird Transparenz nicht mehr nur als Reporting-Thema verstanden, sondern zunehmend als strategisches Steuerungsinstrument. Unternehmen nutzen Zahlungsdaten, um ihre Liquiditätsplanung, Kostenkontrolle und operative Abläufe zu optimieren. Die Qualität der Information, ihre Verfügbarkeit in Echtzeit und die Möglichkeit zur nahtlosen Anbindung an bestehende ERP- und Treasury-Systeme entwickeln sich zu klaren Differenzierungsmerkmalen.
Die Bereitschaft der Unternehmen, für höhere Transparenz und Geschwindigkeit auch höhere Gebühren zu akzeptieren, zeigt eine Verschiebung der Bewertungskriterien: Der Fokus liegt nicht mehr ausschließlich auf dem Preis, sondern vielmehr auf dem unmittelbaren Nutzen für Prozesssicherheit, Effizienz und Steuerbarkeit. Zahlungsdienstleistungen werden damit stärker als integrativer Bestandteil der Wertschöpfungskette betrachtet (siehe Abbildung 2).
Innovationsdruck und Wechselbereitschaft: Zufriedenheit reicht nicht mehr aus
Unternehmen zeigen eine hohe Bereitschaft, ihren Zahlungsdienstleister zu wechseln – und zwar zunehmend unabhängig von der Zufriedenheit mit bestehenden Services (siehe Abbildung 3). Entscheidend ist nicht, ob ein Anbieter funktional „gut genug“ ist und zufriedenstellende Leistungen erbringt, sondern ob er die tatsächlichen Anforderungen seiner Kunden erkennt und adressiert.
Die Wechselbereitschaft ist ein Indikator für die entstehende Dynamik des Marktes. Unternehmen agieren strategisch, vergleichen systematisch und sind bereit, etablierte Partnerschaften zu hinterfragen. Wer nicht mitzieht, verliert Marktanteile – an andere Banken, aber auch an spezialisierte Zahlungsdienstleister und FinTechs. In der heutigen Geschäftswelt muss Kontinuität aktiv verdient werden. Das bedeutet, dass Relevanz, Anpassungsfähigkeit und konsequente Kundenorientierung an erster Stelle stehen müssen.
Die Wechselbereitschaft lässt sich auch anhand der empirischen Daten nachvollziehen: Ein signifikanter Anteil der Unternehmen prüft derzeit Alternativen oder hat bereits einen Anbieterwechsel eingeleitet.
Infrastruktur und Interoperabilität als Fundament
Im internationalen Zahlungsverkehr geht es heute weniger um disruptive Umbrüche als um die gezielte Weiterentwicklung bestehender Strukturen. Unternehmen bevorzugen Lösungen, die sich pragmatisch in ihre Systemlandschaften integrieren lassen und gleichzeitig den Weg für zukünftige Anforderungen ebnen. Technologien wie Blockchain oder digitale Zentralbankwährungen werden zwar als relevant für die langfristige Entwicklung betrachtet, spielen aktuell jedoch noch eine untergeordnete Rolle.
Im Mittelpunkt stehen Interoperabilität und Standardisierung als Schlüssel für Effizienz und Skalierbarkeit. Beispiele wie SEPA One-Leg-Out oder TIPS Cross-Currency zeigen, wie bestehende Infrastrukturen zielgerichtet erweitert werden können, um die internationale Anschlussfähigkeit zu gewährleisten, ohne dass dabei komplette Systemwechsel erforderlich sind.
Die Einführung von ISO 20022 stellt einen bedeutenden Schritt zur Harmonisierung dar. Die größere Herausforderung besteht jedoch darin, unterschiedliche Systeme, regulatorische Vorgaben und proprietäre Datenformate so zu verbinden, dass durchgängige Interoperabilität entsteht.
Von der Vision zur Umsetzung – Erfolgsfaktoren für den AZV der Zukunft
Die Ergebnisse der Studie sind ein deutlicher Weckruf für die Branche. Die Erwartungen von Unternehmen an grenzüberschreitende Zahlungen steigen kontinuierlich. Geschwindigkeit und Transparenz sind zentrale Anforderungen. Die tatsächliche Differenzierung gelingt jedoch nur durch ein Zusammenspiel mehrerer strategischer Faktoren.
Wir sehen vor allem die folgenden vier Themen als Hebel für zukunftsfähige Cross-Border-Zahlungen:
- Kundenzentrierung: Die Anforderungen von Unternehmen sind vielfältig und dynamisch. Unternehmen erwarten Lösungen, die sich flexibel an ihre individuellen Bedürfnisse und Prozesse anpassen. Wenn die angebotenen Services nicht überzeugen, ist die Bereitschaft zum Anbieterwechsel hoch. Zufriedenheit allein garantiert keine langfristige Bindung.
- Technische Harmonisierung und Interoperabilität: Einheitliche Standards und die nahtlose Zusammenarbeit verschiedener Systeme sind essenziell, um Fragmentierung zu überwinden und Innovationen sowie Skalierbarkeit zu ermöglichen. Initiativen wie ISO 20022 und die Interlinking-Projekte für Echtzeit-Zahlungssysteme sind entscheidende Hebel für Effizienz und Zukunftsfähigkeit.
- Kooperation im Ökosystem: Die Zusammenarbeit zwischen Banken, FinTechs und anderen Marktteilnehmern ist für den Erfolg von entscheidender Bedeutung. Um die Anforderungen an moderne grenzüberschreitende Zahlungen zu erfüllen, sind oftmals die Bündelung von Kompetenzen und gemeinsame Initiativen unerlässlich.
- Innovationsbereitschaft: Unternehmen sind bereit, für Mehrwerte wie schnellere Abwicklung, bessere Transparenz oder zusätzliche Services auch höhere Gebühren zu akzeptieren. Anbieter, die kontinuierlich neue Ansätze verfolgen und ihre Prozesse weiterentwickeln, schaffen die Grundlage für nachhaltige Differenzierung und neue Einnahmequellen durch Value-Added-Services.
Die Studie von msg for banking liefert eine detaillierte Grundlage für die Analyse der wichtigsten Trends und Herausforderungen. Sie verdeutlicht, dass die Transformation des Auslandszahlungsverkehrs nicht allein eine Frage der Technologie ist, sondern insbesondere auch eine Frage der strategischen Ausrichtung und der kontinuierlichen Weiterentwicklung. Wer frühzeitig handelt, Innovationen vorantreibt und die Bedürfnisse der Kunden in den Mittelpunkt stellt, wird die Zukunft des internationalen Zahlungsverkehrs aktiv gestalten – nicht als reiner Dienstleister, sondern als strategischer Partner.
